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Consulting , Startup , Zukunft , Erfolg

Mehr Hippies bitte

Ich heb ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau, bin zu lange nicht geflogen, wie ein Astronaut.

Das Frühjahr ist voll mit Terminen von Startup Konferenzen in Deutschland.
Große Talkrunden auf kleinen Bühnen. Wer nicht kommen kann, erlebt fast alles im Livestream. Die immer gleichen Sprecher, sprechen immer über das Gleiche. Alle nicken, früher wurden Köpfe und Kameras gehoben, wenn jemand auf die Bühne kam, heute sind die Köpfe gesenkt auf die Mobile Devices, die als Kameras in ganz besonderen Momenten dienen. Thema: Der Journalismus der Zukunft. Wie sieht er denn jetzt wirklich aus? Twitter verkürzt jede Nachricht. Das macht guten Journalismus so schwer. Too long; didn't read. Also benötigen wir neue Formate. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz twittern ständig Nachrichten, wo sie gerade sind und wo der nächste spannende Speaker gerade etwas sagt.

Ein Termin bei einem schwäbischen Unternehmer.
Ach Herr Köschter, sie immer mit ihrer Innovation. Das geht nicht so schnell. Wir haben langfristige Lieferantenverträge und die müssen wir erfüllen. Das können Sie woanders machen, hier nicht. Wir bringen jetzt unsere neue Produktserie mit den neuen Verpackungen raus. Das wird gut. Die Sonnen scheint. Komm, wir gehen kurz was essen. Ich gebe Ihnen eine Weinflasche mit, sie haben ja noch was zu fahren heute.

Großzügig sind die Tische platziert, in einem Restaurant in Frankfurt. Draußen Sitzen im Mai.
Ein runder Tisch mit weißer Tischdecke und einer Orchidee in der Mitte. Weder der Kellner noch der Investor, als Gesprächspartner, überfordern sich mit Freundlichkeit. Bei uns sind sofort große Gewinne vorgesehen, das muss schnell hoch gehen, sonst verlieren wir die Lust und dann wissen Sie, was passiert. Wir verkaufen unsere Anteile. Einen Espresso bitte.

Die Talkrunde beim abendlichen Talkmaster mit Stiefeletten und Gelfrisur.
Ein Wissenschaftler und ein Politikbeobachter dozieren eine halbe Stunde lang über die Gefahren von künstlicher Intelligenz und beziehen sich ständig auf das Grundgesetz, das total in Gefahr ist, wenn wir nicht aufpassen. Globalisierung, insbesondere mit dem was da aus China auf uns zu kommt, sollte uns Angst machen. Engstirniges Denken bei einem großen Thema. Die Sendung endet ohne Lösungsansätze.

Ein Termin im Rathaus der Stadt.
Eintimmig wird genickt, dass mehr getan werden muss für das soziale Miteinander in der Stadt, aber die Kulturetats der Stadt, die schrumpfen weiter in den nächsten Jahren.
Konzertsäle und Museen müssen aufwendig saniert werden, da jahrelang nichts gemacht wurde. Kulturelle Programme, die Kinder Musik und Kunst näher bringen sollen, können nur durch hohe private Zuschüssen erhalten bleiben. Die Vielfalt der europäischen Kultur verschwindet immer mehr, das Revival der Nationalismen und des sich Abschotten auf den angenehmen Status Quo ist wohl einfach besser. Wenn ein Mädchen und mit ihr, viele junge Schülerinnen und Schüler für ein uns alle betreffendes Thema demonstrieren gehen, wird zuerst nach der Schulpflicht gefragt. Bloß nichts wagen lassen. Erstmal Abitur machen lassen.

Die Keimzelle der Innovationen ist im beschleunigten Identitätswandel.
Die eleganten viktorianische Häuser in San Francisco verschwinden und große, graue Komplexe entstehen. Die Verkehrsstaus nehmen zu und werden durch Fahrdienstleister, wie Uber, verstärkt. Trotz des neuen Reichtums der gesamten Gegend, verlassen Lehrer die Stadt, Krankenhäuser und Notrufzentralen sind unterbesetzt. Boutique-Fitnessstudios, Salat Restaurants, privaten Clubs Spas, hochpreisige Cafés, von denen einige durch Risikokapital unterstützt werden, vermehren sich. Die Stadt wird nach dem Willen der Technologiebranche umgestaltet. Die Angebote der Läden sehen aus wie eine Instagram Story. Mentale Krankheiten auf Grund des unfassbaren Leistungsdrucks und des einzigen Ziels der Gewinnmaximierung prägen die Menschen dieser Stadt. Eine Stadt, der ehemals frei und revolutionär denkenden Menschen, die den Grundstein der technischen Entwicklung, durch ihr revolutionäres Hippie Denken, erst möglich machten.

Waren noch die 70er Jahre das Jahrzehnt der Entfesselung, dessen Umbrüche und Denkanstöße uns bist heute, in allen unseren Lebensbereichen prägen, bleibt die technische und insbesondere die intellektuelle Revolution im Jahr 2019 in Europa aus. Gleichförmig und konform wird einfach weiter gearbeitet und egal was, jeder Trend wird immer nur kurzfristig gehypt.

Vegane Burger sind super und hipp. Der Börsengang von Beyond Meat sorgt für Goldgräber Stimmung an der Wall Street. Endlich hat Silicon Valley wieder ein massentaugliches Konsumprodukt erschaffen. Burger King hat in den USA den Impossible Burger im Programm. Ein verarbeitetes Lebensmittel, mit genmanipuliertem Soya und hohen Glyphosat Werten. Der Beyond Burger wird demnächst beim Discounter LIDL in Deutschland verkauft. Richtig hinschauen ist nicht nötig. Pflanzliche Proteine als Fertigprodukt. Die Fehler der Fleischindustrie, abgepackte Massenprodukte herzustellen, werden pflanzlich wiederholt.

Mehr Hippies bitte. Eine freie und unkonforme Denkweise, sind gerade jetzt in Europa nötig, um endlich dem alten, verkrusteten Zeitalter des Denkens in Doppelgaragen der Automobilindustrie und der Präzisionsschrauben des Maschinenbaus zu entkommen. Neue, innovative und auch völlig absurde Ideen müssen zugelassen werden, um sich als Produkte am Markt zu beweisen. Investoren, die bereit sind für eine alte Kirche, nach einem Feuer in Paris, Millionen zu spenden, müssen endlich dieses Geld in junge Unternehmen investieren. Und ohne dabei das Mantra des, Alles, was nach neuer super Tech-Idee klingt, ist super, immer auch sofort so anzuwenden. Als erstes muss die Frage gestellt werden, welche Auswirkungen die Innovation im gesellschaftlichen Zusammenhang  hat. Jedes Startup muss dies durchdeklinieren und bis hin zu seiner Sales Strategie umsetzen.

Ein digital vernetztes, neues Produkt, muss mit positiven Auswirkungen auch in der Gesellschaft vernetzt sein. Mit fairen Löhnen für die Mitarbeiter des Startups, mit fairen Preisen für die Kunden und mit positiven Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht. Es muss einen positiven Beitrag für die gesamte Gesellschaft leisten. Das war die ursprüngliche Idee der ersten Gründerinnen und Gründer im Silicon Valley. Und nicht das rücksichtslose Streben nach Gewinn.

Give People the Benefit of the Doubt.
Menschen mit ihren jungen Unternehmen benötigen eine Chance, statt zynisch übergangen zu werden. Nur so kann eine Innovation erst wirklich entstehen. Auch wenn, oder gerade weil, Startups Fehler machen, ist es umso wichtiger, an den Fortschritt durch innovative Unternehmerinnen und Unternehmer zu glauben.

Im Mittelpunkt stehen Menschen und nicht Maschinen.
Maschinen sind und bleiben ein Mittel zum Zweck. Nur ein nachhaltiges Wachstum, was nicht als erstes nach den Gewinnen fragt, sondern nach den Menschen und den Auswirkungen auf alle mit dem neuen Produkt verbundenen Gegebenheiten, ist sinnvoll. Nur ein kreatives und freies Denken ermöglicht dies und schafft Innovationen.



Foto: © Stephen Shames/Polaris/laif

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