Ideen-Pool
Consulting , Startup , Zukunft

Im Dunkeln

Vor einiger Zeit hat Claus Kleber, ja genau, der Nachrichtenmann, der abends den linken Arm ganz nach links raus fährt und uns dann mit einem sonoren „Guten Abend“ wieder kurz wach rüttelt, einen Film über das Silicon Valley gemacht. Kleber sprach darin mit vielen Menschen, zu den ganz oberen Etagen und den Chefs bei Facebook, Google und Co. wurde aber auch er nicht durchgelassen. Viele innovative Startups zeigte der Film auch nicht. Auf den ersten Blick sonderbar war der Schluß des Films, bei dem Kleber sinngemäß sagte, ob wir das hier alles, was gerade im Valley entsteht, auch in Europa wollen. Nein, sagte er dann, das wollen wir nicht, wir haben unseren eigenen Wertekanon und sind nicht der Spielball einer in sich abgeschlossenen Tech Elite.

Schaut man ganz genau hin, und fragst Du Dich für Dein eigenes Startup in Deutschland, bleibt die Frage offen, wie innovativ Du wirklich bist und wie innovativ bei den vorhandenen, europäischen Rahmenbedingungen Du überhaupt sein kannst. Welche wirklichen Innovationen hat es in welchen Bereichen in den letzten Jahren in Europa gegeben? Alle reden immer über Digitalisierung und über das Mega Thema der künstlichen Intelligenz. Täglich folgen wir schon Algorithmen, unser ganzer Tag ist heute schon von Maschinen bestimmt, auch wenn wir das im ersten Moment leugnen würden. Wo ist also das wirklich Innovative?

War es nicht immer schon schwer, eine wirkliche Innovation auf den Markt zu bringen?

Wir verlieben uns oft in eine Idee, die uns so gut gefällt. Ist die Idee für den Markt dann überhaupt geeignet? Auch der Hinweis, dass erstmal tausend Ideen entstehen müssen, damit dann die eine gute Idee sich schon ergeben wird, ist unmöglich bei den derzeitigen Rahmenbedingungen für ein Startup in Deutschland umzusetzen.

Der sozial-psychologische Effekt, der hierbei vollkommen kontraproduktiv wirkt, ist das immer noch stetige Belächeln der so genannten „Selbstständigen“ durch Festangestellte oder Beamte. Berlin ist nicht überall, und wenn Du dann morgens um 11.00 Uhr im Büro in Kerpen oder Oldenburg erscheinst, ist das für jemanden im Angestellten Verhältnis aus dem Nachbarbüro kaum vorstellbar. Der Steuerberater verzieht das Gesicht, weil er alles „ganz anders buchen muss“, wenn Du mit Deinem Startup Jahresabschluss zu ihm kommst. Und die Behörde fragt als erstes nach den Rauchmeldern im Startup Büro und wo denn bitte der Feuerlöscher im Pop-Up Store steht.

Auch wenn einige Unternehmer und Politiker sich dann mit einem Foto im sozialen Netzwerk mit dem Besuch der Startup Veranstaltungen schmücken, damit das jung und innovativ wirkt, hat der Großteil der in der Politik und Wirtschaft Tätigen nicht verstanden, was eine Innovation ist, wenn Deutschland sich weiter an den Industrien orientiert, die seit der Kaiserzeit als die großen Erfindungen gelten. Die Autolobby, als nur ein Beispiel, diktiert der Politik die nächsten Schritte auf den Weg in die ökonomische Zukunft des Landes.

Was fehlt für die Schaffung einer Innovationskultur?

Es fehlt ein übergeordneter Campus, auf dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Bildungshintergründen gemeinsam im Team forschen und neue Ideen entwickeln. Dabei wird nicht direkt nach dem Gewinn oder Umsatz gefragt, den die Idee erreichen soll, sondern nach der Innovationskraft der Idee, die in einem ökologisch sinnvoll orientierten Bewusstsein entwickelt wird. Der Staat, sowie Unternehmer und Unternehmerinnen sponsern die Startups, die auf dem Campus arbeiten beim Ressourceneinsatz von Material, digitaler Infrastruktur und allen benötigten Mitteln.

Das sind doch die Hubs, Accelerator- und Inkubatoren Programme, die wir schon in Deutschland finden? Nein, das sind dies nicht. Ein übergeordneter Bildungscampus in jedem Bundesland, egal ob in der Stadt oder auf dem Land sieht anders aus, als die Programme, die zur Zeit wie einzelne Leuchttürme hier und da im Land zu finden sind. 16 Campus Zentren in ganz Deutschland als Denkzentren, die ihre neuen Ideen als Prototypen und dann als fertige Produkte auf den Markt bringen. So werden Gründerinnen und Gründer gefördert und können sich frei entfalten. Der notwendige Wandel zur digitalen Wissensgesellschaft kann so umgesetzt werden. Egal ob Konsumprodukt, ein neue journalistische Idee oder ein Kunstprojekt. Keine Idee ist falsch, die vorhandene Kapazitäten werden turnusmäßig von Startups gebucht und auch wieder verlassen, um anderen Startups einen Platz zum Forschen und Entwickeln zu ermöglichen. Gründerinnen werden endlich genauso anerkannt wie Gründer.

Eine Innovation fängt bei Dir selbst an. Im ersten Schritt gilt es, die eigenen (Vor-) urteile abzubauen und sich von Bewertungen und festgefahrenen Einstellungen zu lösen. Auch stundenlanges Googeln nach der besten Idee bringt nichts. „We do not know, how to look for things, we do not know.“ Wir suchen das Nischenprodukt, das es nicht gibt, welches aber die Ansprüche und Bedürfnisse der Konsumenten erfüllt, die es dann millionenfach auch kaufen werden.

Facebook Reichweiten und Follower mit vielen Likes bei Instagram sind keine Innovation. Stimmen die Werte für diese Reichweiten denn überhaupt? Die Tech Monopolisten Facebook und Instagram oder Google gaukeln uns die Effizienz und den Nutzen ihrer Dienstleistungen vor. Sie blenden die Nachteile bei der Nutzung ihrer Produkte aus und lassen uns über den wahren Wert im Dunkeln. Das gigantische Sammeln von Daten, wie zum Beispiel völlig privater Fotos von Dir auf einem Server in Kalifornien, perfektioniert ihr Geschäftsmodell, aber nicht Deine Startup Idee. 

Die Idee entsteht nicht an Deinem Schreibtisch

Bahnticket buchen und durch Deutschland und Europa reisen. Mit Menschen sprechen, sie nach Ihren Bedürfnissen fragen und alle Gedanken schriftlich fixieren. Im Team die Dinge diskutieren und alles immer wieder, bis zur Entwicklung eines Protoytpen, der dann auch wirklich auf den Markt kommt, von den Usern hinterfragen lassen. Dies wird Dir helfen, an Deiner innovativen Idee zu arbeiten.

Wenn wir eine Idee für ältere Menschen suchen, die auf Hilfe angewiesen sind, dann sind wir eine Woche in einem Altenheim gewesen und haben mit den Menschen vor Ort gesprochen. Ohne Hashtag und Frühstücksbowl. Wenn es eine Lösung für Mobilität in der Stadt geben soll, dann haben wir in den letzten zwei Wochen Stunden in einer Tiefgarage verbracht, um an einem intelligenten Leitsystem für Menschen zu arbeiten, die bestimmte Ansprüche und Bedürfnisse für ihre Mobilität haben. Und das Wissen eines über Jahrzehnte schon bewirtschafteten Bauernhofs hilft uns zu begreifen, wie ein neues Lebensmittel überhaupt produziert werden kann. Daher der Weg in den Kuhstall und anschließend ins Labor, zur Forschung an der Zukunft der Fleischproduktion.

Bei einem Abendessen in Tel Aviv wird es plötzlich dunkel, alle Lampen im Raum gehen aus. Kein großes Ding, alle Beteiligten albern rum und scherzen, wo denn die Kerzen sind, wenn man sie braucht oder wer denn bitte schön die Stromrechnung nicht bezahlt hat. Viele machen das Licht an ihrem Handy an und einer der Gäste klappt sein Laptop auf und schaut ganz glücklich, weil sein Gesicht im Licht des Geräts so gut ausgeleuchtet wird. Da es länger dauert, wird uns nicht nur etwas mulmig, sondern auch irgendwie langweilig, die Getränke leeren sich und wir gehen in den Hausflur zu den Nachbarn. Jetzt wird darüber diskutiert, wie lange Akkus halten und dass es wohl eher dunkel heute Nacht bleiben wird. Irgendein Vogel ist wohl in einen Stomkasten geflogen oder ein Überspannungsschaden im Haus? Auf einmal sind alle ganz nah beieinander, man erzählt sich Geschichten und die müde gewordenen Menschen gehen einfach fluchend ins Bett.

Am Nachmittag hatten wir über eine brillante High Tech Idee mit einem Startup gesprochen und eine beeindruckende, digitale Präsentation mit modernsten Beamern, im vierundzwanzigsten Stock eines hypermodernen Bürogebäudes gesehen.

Wie schon im Buch Blackout von Marc Elsberg beschrieben, wird uns täglich bewusst, dass die wirklichen Innovationen, die sich an den Bedürfnissen und Ansprüchen von Verbrauchern orientieren, mit einem ökologisch Check geprüft werden müssen. Der Jahrhundertsommer diesen Jahres in Deutschland und die anhaltende Dürre wird alle Zweifel am größten Problem der Menschen ausgeräumt haben. Ein neues Bewusstsein für uns und unsere Umwelt wird neue Ideen in unserm europäischen Wertekanon entstehen lassen, damit, wie schon vom Nachrichtenmenschen Kleber erwähnt, sich die technologische Revolution mit sinnvollen ökologisch orientierten Kriterien gestalten lässt und dabei unseren Planeten schont und nicht noch mehr zerstört. Damit zukünftige Generationen den bei den Gesprächen im Silicon Valley so häufig genannten „Mehrwert“ eines neuen Produktes für die gesamte Gesellschaft erleben werden.

WEITERE
VIDEOS  
© Jens Köster 2016